Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

QUERSPUR 05: Hyperlokal

6 Hampton knüpfte an das Werk des Soziologen William H. Whyte an. Whyte hatte in den späten 1960er und 70er Jahren unter dem Titel „Street Life Project“ im Auftrag der New York City Planning Commission minutiös Verhalten und Interaktion von Men- schen an öffentlichen Plätzen in New York dokumentiert und damit bahn- brechende Erkenntnisse für Soziologie und Stadtplanung geliefert. Whytes Assistent Fred Kent setzte die Arbeit mit dem „Project for Public Spaces“ fort und filmte ab 1975 an verschiede- nen Orten in New York, Philadelphia und Boston. Dieses Filmmaterial bot sich für eine Vergleichsstudie an. Hamptons Team filmte zwischen 2008 und 2010 an exakt denselben Orten und wertete sodann 38 Stunden Film aus. Das Ergebnis verblüffte: Handynitis war viel weniger stark verbreitet als der Forscher angenommen hatte. Zwischen drei und maximal zehn Prozent der Menschen waren mit ihren Handys beschäftigt – telefonie- rend, mit Apps oder dem Schreiben von SMS. Die aktiven Anwender waren fast immer allein. An den ge- schäftigsten Orten, wie etwa auf dem Stiegenaufgang zum Metropolitan Museum of Art in New York, benutz- ten nur drei Prozent ihr Handy. Fazit: Das Gefühl, dass Mobiltelefone den öffentlichen Raum dominieren und uns voneinander trennen, hielt der wissenschaftlichen Überprüfung nicht stand. Mag sein, dass das Er- gebnis anders ausgefallen wäre, hätte Hampton ausschließlich Jugendliche untersucht. Was der Soziologe im Zuge der Studie allerdings noch herausfand, war etwas, das er gar nicht gesucht hatte. Es waren deutlich mehr Frauen unter- wegs als einst. Hamptons Conclusio: Die Geschichte öffentlicher Orte in den vergangenen 30 Jahren ist keine der Vereinsamung oder der digitalen Ablenkung, sondern eine der Gleich- berechtigung. Andere wissenschaftliche Untersu- chungen belegen: Internetuser pfle- gen auch im Leben offline intensive Sozialkontakte. Eine Studie des re- nommierten US-Sozialforschungsin- stituts PEW mit dem Titel „The social side of the internet“ kommt zu dem Schluss, dass die Nutzung von Kom- munikationstechnologien inzwischen tief in das soziale Leben von Gruppen integriert ist. 75 Prozent aller US- Amerikaner nehmen an organisierten, gemeinnützigen Freizeitaktivitäten teil, wobei Internetuser deutlich aktiver sind als Nicht-User. Jene, die in sozialen Netzwerken online unterwegs sind, sind auch im echten Vereinsleben am aktivsten. Wobei die Unterscheidung zwischen online und dem „echten“ Leben vermutlich ob- solet, gar kontraproduktiv ist, zumal sich soziales Verhalten da und dort wenig unterscheidet. Engagierte Men- schen sind dies on- wie offline. Und sie sind letztlich die Treiber im Wan- del des lokalen Alltags. Informations- und Kommunikationstechnologien sind Tools. Sie helfen dabei, diesen Wandel voranzutreiben, halten das Lokale lebendig und eröffnen Chan- cen, es neu zu gestalten. So finden sich Menschen zusammen, die ein Interesse teilen, aber sonst wenig gemeinsam haben, um etwa in der Stadt gemeinsam ein Feld zu be- stellen. Seit Mai 2012 bewirtschaften die LoBauerInnen ein 4.000 Quadrat- meter großes Feld in der Wiener Lobau, wo sie biologisches Gemüse anbauen. Dort wachsen Zucchini, Sonnenblumen, Zwiebel, Bohnen, Karotten, Paradeiser, Kohlgemüse, purpurroter Färber-Amaranth. Die Gruppe ist über eine Internet-Platt- form vernetzt. Einen fixen Plan gibt es nicht, jeder kann jederzeit aufs Feld kommen und dort arbeiten. Wer zur Arbeit kommt, nimmt frisches Gemüse für den Eigenbedarf mit. Die LoBauer- Innen sind zudem mit anderen Ernäh- rungsinitiativen in Wien vernetzt. Ein aktuelles Beispiel aus Italien, wie der guten alten Nachbarschaftshilfe mit zeitgenössischen technologischen Mitteln neues Leben eingehaucht wurde, ist das Social-Street-Movement. Der Journalist Federico Bastiani vermisste in Bologna jenes Gemein- schaftsgefühl, mit dem er in einer kleinen toskanischen Stadt aufge- wachsen war, und gründete 2013 die Facebook-Gruppe „Bewohner der Via Fondazza“ – einer Straße im histori- schen Teil Bolognas. Nach zwei Wochen zählte die Gruppe 90 Mitglieder, zuletzt war es 500. Im Social Web werden Informationen ausgetauscht, Hilfe angeboten, Stra- ßenfeste organisiert. Das Projekt hat die Via Fondazza mit Dynamik erfüllt und nicht nur sie – binnen kürzes- ter Zeit sind rund 50 solcher Social Streets in mehreren italienischen Städten entstanden. Der Erfolg des Projekts liegt wohl nicht zuletzt darin begründet, dass eine tief in der italie- nischen Gesellschaft verwurzelte Tra- dition mittels IKT ins 21. Jahrhundert übersetzt wurde. „Durch die Informations- und Kom- munikationstechnologien entsteht ein neuer Blick auf das Lokale. Das Globale hat Einfluss darauf, was lokal passiert und das wird wiederum global zurückgespiegelt“, betont Philipp Budka, Kultur- und Sozialanthro- pologe an der Universität Wien. Sein Thema ist, was IKT für das Mensch- sein bedeuten. Wer etwa ein Urban- Gardening-Projekt starten will, wird sich im Internet über bestehende Projekte in seiner Umgebung, aber ge- nauso über Initiativen in Großstädten wie Berlin oder New York informieren. IKT haben die Welt kleiner gemacht, bringen sie ins Dorf – aber eben auch umgekehrt, das Dorf in die Welt. SOCIAL STREETS BRINGEN DIE GEMEINSCHAFT VOM DORF IN DIE STADT NUTZER VON ONLINE- NETZWERKEN SIND AUCH IM REALEN LEBEN SEHR KONTAKTFREUDIG LOKALES LEBEN MIT GLOBALEM WISSEN GESTALTEN HANDYNITIS IST NICHT SO STARK VERBREITET WIE WIR GLAUBEN

Seitenübersicht