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QUERSPUR 05: Hyperlokal

5Hyperlokal Man kann nicht nicht kommunizie- ren. Es ist das erste und berühmteste Axiom der menschlichen Kommu- nikation von Paul Watzlawick. Der österreichische Kommunikations- wissenschafter und Psychotherapeut, der fünf Sprachen beherrschte und in seinen Büchern einen unverwech- selbaren Erzählstil entwickelte, kam zu dem Schluss, dass viele Worte genauso Mitteilungscharakter haben wie das Schweigen. Ein Mann, der im überfüllten Wartesaal auf den Boden starrt, signalisiert seiner Umwelt in aller Deutlichkeit, dass er in Ruhe ge- lassen werden will. Und üblicherweise funktioniert das auch. Die Menschen rundherum werden die Signale verste- hen und respektieren. Dies, so Watz- lawick, sei nicht weniger Kommuni- kation als ein angeregtes Gespräch. Morgens in den öffentlichen Ver- kehrsmitteln, schweigend ins Ge- spräch vertieft: Scheinbar streicht jeder auf seinem Smartphone herum, kommuniziert mit entfernten friends, echten Freunden, seiner Familie, Kol- legen, Kontakten. Wer indessen neben einem sitzt, bekommt man dabei gar nicht mit. Der Schluss liegt nahe, dass uns die Informations- und Kommunikations- technologien (IKT) der unmittelbaren Umgebung entreißen und im echten Leben voneinander entfernen. Ein spontanes Gespräch mit dem Sitz- nachbarn in der U-Bahn wird sich so jedenfalls nicht ergeben. Es ergibt sich allerdings nicht deshalb nicht, weil es das Smartphone verhindert, sondern weil wir das Smartphone dazu nutzen, es zu verhindern. Das virtuose Fingerspiel auf dem Touchscreen macht den Mitreisenden unmiss- verständlich klar, dass man nicht angesprochen zu werden wünscht. War es früher tatsächlich anders, besser? Einst verschanzten sich die Morgenmuffel hinter großformatigen Zeitungen – schon vergessen? Hasten wir denn heute tatsächlich nur noch textend und tweetend durch den Tag und ignorieren alles und alle um uns? Und gab es einen Garten Eden vor der Erfindung des Smartphones? Genau das wollte der kanadische Soziologe Keith Hampton herausfinden – die New York Times berichtete über seine Arbeit. Hamptons Forschungsschwerpunkt ist die Frage, wie Informations- und Kommunikationstechnologien unser Leben verändern. Der Kulturpessimis- mus vieler Kollegen irritierte Hamp- ton. Was ihm im wissenschaftlichen Diskurs vor allem fehlte, waren eine historische Perspektive sowie harte Fakten. Hampton: „Wir sind schlecht darin, zurückzuschauen. Man neigt dazu, die Vergangenheit zu idealisieren.“ MEDIENSKEPTIKER UND KULTURPESSIMISTEN SIND AUF DEM HOLZWEG: KOMMUNIKATIONSTECHNOLOGIEN ISOLIEREN NICHT, SIE BRINGEN MENSCHEN ZUSAMMEN – GLOBAL WIE LOKAL. UND SIE ERMÖGLICHEN NICHT ZULETZT, DASS SICH DAS GRÄTZEL, DAS DORF NEU ERFINDET UND LEBENDIG BLEIBT. Von Ruth Reitmeier DIE KONZENTRATION BEWUSST AUF DAS HANDY RICHTEN UND UNGESTÖRT BLEIBEN Die Wiedergeburt des Lokalen

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