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QUERSPUR 05: Hyperlokal

30 FEHLENDES MOBILITÄTSANGEBOT FÜR ÄLTERE MENSCHEN WIRD ZUM KERNPROBLEM Die verstärkte Abwanderung im länd- lichen Raum zeigt Eigendynamik: Die Finanzierbarkeit öffentlicher Verkehrsmittel ist dort oft nicht mehr gewährleistet. Durch die mangelnde Auslastung werden einst funktionie- rende Verbindungen wieder reduziert und die Takte zeitlich so weit vergrö- ßert, dass sie keine nutzbare Option mehr darstellen – so verkehren etwa auf der inneralpinen Route zwischen Linz und Graz oder Klagenfurt und Salzburg heute täglich weniger Züge als noch vor wenigen Jahren. Mangels Nutzerfreundlichkeit regeln viele ihre Fahrten selbst, denn allzu große Taktabstände und Wartezeiten beim Umsteigen werden in unserem Alltagsleben nicht mehr toleriert. Vor allem, wenn es darum geht, kurze Distanzen schnell zu überwinden. Im Bregenzerwald wird beispielsweise versucht, die bereits bestehende Struktur einer Plattform, auf der Leistungen zu einer Einheit von „Talenten“ getauscht werden, auch Mitfahrmöglichkeiten unter dem Namen „Talentemobil“ abzuwickeln. Früher war das Autostoppen von Dorf zu Dorf fast überall gebräuchlich. Es gebot dem Autofahrer sogar der An- stand, wenn er jemand zu Fuß nach Hause gehen sah, zu fragen, ob er ihn mitnehmen könne. Im Bregenzer- wald ist das Stoppen für die jungen Leute oft die einzige Möglichkeit, am Abend von einem Lokal zum nächsten zu kommen. Das System von Talente- mobil ist einfach angelegt: Autofahrer registrieren sich bei der Plattform, erklären sich mit Regeln einverstan- den und es gibt eine Mobiquette für Fahrer und Fahrgast. Das Talente- mobil soll vor allem für spontane und kürzere Wege genutzt werden. Sicher- heit soll vermitteln, dass der Fahrer registriert ist. Für den Mitfahrer ist es Usus, das Kfz-Kennzeichen per SMS an jemanden, der einen erwartet, zu schicken. Die Lösung ist ein Versuch, den Linienbus und das individuelle Verkehrsangebot zu ergänzen. www.talentemobil.net Während sich im verdichteten städti- schen Raum immer mehr Verkehrs- teilnehmer dazu entschließen können, auf ein immer massiver ausgebautes öffentliches Verkehrsnetz umzustei- gen und vielleicht ganz auf den eige- nen Pkw zu verzichten, werden viele Randgebiete im ländlichen Raum vom Verkehrsfluss quasi abgehängt. Sie verlieren zunehmend Anschluss, Bildungsangebote, kulturelles Leben. Und Arbeitsplätze rücken noch weiter weg. Vor allem die ältere Bevölkerung in ländlichen Gebieten ist davon be- troffen, denn sie ist mit zunehmen- dem Alter auf Versorgung durch an- dere angewiesen – Essen auf Rädern, Krankendienste, aber eben auch Fahrten zum Einkauf, zu Verwandten oder zum Arzt. In einer autoorientierten Gesellschaft wie in den USA sind Menschen mit dem Auto noch in einem Alter unter- wegs, in dem sie vielleicht nicht mehr voll fahrtüchtig sind. Die Initiative „INTAmerica“ forciert dort Nachbar- schaftshilfe via Internet, um die Mo- bilität von Senioren, die nicht mehr selbst am Steuer sitzen können, zu bewahren. Die Mitglieder werden von freiwilligen Fahrern zu Hause abge- holt und wieder bis zur Haustüre ge- bracht. Die so genannten Volunteers machen mit ihnen die gewünschten Fahrten wie etwa zum Supermarkt, zum Arzt oder zu Verwandten. Finanziert wird das mittlerweile USA-weite Netz durch Spenden und Mitgliedsbeiträge, was gut funktio- niert, weil Nonprofit-Arbeit in den USA viel selbstverständlicher als in Europa angesehen wird und auch gesellschaftlich stark verankert ist. itnamerica.org Oft sind es spontane und vor allem private Maßnahmen, die einen Man- gel kompensieren, wo es keine Un- terstützung von offizieller Seite gibt. Wie bei vielen Problemstellungen funktionieren Lösungen vor allem dort, wo die Nutzerfreundlichkeit hoch, das System verständlich, die Abwicklung einfach und der Preis gering ist. Eine bemerkenswerte, wenn auch rudimentäre Lösung findet sich im Kambodscha: Dem Erfindergeist einer Gruppe von Bauern ist die Bambusbahn als eines der wenigen Verkehrsmittel im kaum erschlossenen Norden des Landes zu verdanken. Seit Ende der 1980er-Jahre sind diese Gefährte die Lebensader der Region, sie funktionieren simpel wie Draisi- nen – ein Metallgestell mit einer Plattform aus verbundenen Bambus- rohren, Rädern, Keilriemen und einem sechs-PS-Motor. Mehr braucht diese Bahn nicht, um Menschen, Tiere und Waren auf einer alten Trasse aus der Kolonialzeit durch die Reisfelder zu transportieren und damit Handel und Beförderung zu er- möglichen. Eigeninitiative macht das Unmögliche möglich, mitunter sogar ohne elektronische Verkehrssysteme, digitalisierte Fahrpläne und Informationstechnologie. AUTOSTOPPEN MIT MEHR SICHERHEIT EIGENINITIATIVE MACHT DAS UNMÖGLICHE MÖGLICH: IN KAMBODSCHA RICHTETE SICH DIE LOKALE BEVÖLKERUNG IHRE PRIVATE BAHN EIN

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