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QUERSPUR 05: Hyperlokal

25Hyperlokal Die Moderatoren von Radio Osttirol behalten ihre Dialektfärbung, die den Einheimischen ihr Herkunftstal verrät, und es wird darauf geschaut, dass eine emotionale und farbenfrohe Sprache die fehlenden Bilder im Radio wettmacht. Der Sender legt auch Wert auf Internetpräsenz, Sen- dungen sind on demand abrufbar. Ein Radio mit sehr viel Begeisterung also und mit dem gemeinsamen Nenner Osttirol. Wäre da nur die Frage, wie sich das jüngere Publikum, das mit Schlagern und Blasmusik nichts am Hut hat, zu gewinnen ist? Generell läuft beim Radio nichts ohne Musik. Die Lieder werden nach be- stimmten Kriterien bei den Hörern abgetestet. Das Ergebnis ist der kleinste gemeinsame Nenner der Musikauswahl. Es werde kaum po- larisierende Musik gespielt, sagt Florian Novak von Radio Lounge FM. Der junge Sender, der über UKW und Internet Musik für Menschen spielt, die abschalten wollen, setzt auf das Lebensgefühl „listen and relax“. Immerhin sei eine gut geführte Radiomarke ein Bekenntnis zu einem bestimmten Lifestyle, sagt der Radio- macher. Man ist, was man hört und man will hören, was die Freunde hören. Ein Ding der Unmöglichkeit sei es allerdings, musikalisch einer sehr breiten Zielgruppe gerecht zu wer- den, betont Novak. Hingegen könne heute aber auch kein Radiomacher „darauf verzichten, lokal verortet zu sein“. Auch Novak sieht – wie Inge Seibel von Radio Osttirol – den ge- meinsamen Nenner des Radios der Zukunft im lokalen Raum, um Sender und Hörern Wurzeln zu geben. Heimat als kleinster gemeinsamer Nenner, musikalisch wie thematisch. Hier zeigt der Bayerische Rundfunk neuen Mut zu alten Traditionen. Ob- wohl den 12,5 Millionen Einwohnern bereits sieben Radiosender geboten werden, sieht man offenbar noch Potenzial für einen weiteren. Dieser trägt den Arbeitstitel „BR Heimat“ und soll einen Volksmusik-Mix für Jung und Alt spielen, neue Volksmusik à la Brass Banda und auch die alte, traditionelle. Die Berichte kommen – erraten – aus den Regionen. Damit würde das jüngste Radiokind einmal mehr das erfüllen, weswegen die Lokalsender in den 1980er-Jahren überhaupt gegründet wurden: Weil die zentralen, öffentlich-rechtlichen Anstalten zu weit weg waren von den Bedürfnissen der Bürger, schuf man neue Sender, die die Heimat direkt in die Wohnzimmer brachten. Auch die Tübinger Radiomacherin Sandra Müller ist überzeugt: Es reicht nicht mehr, eine UKW-Frequenz zu haben und eingekaufte Beiträge zu spielen, in denen es um irgendwelche Trends geht. Die weltweite Empfangs- möglichkeit mag den Radiosektor technisch verändert haben. Dem setzt Müller eine gesellschaftliche Entwicklung entgegen: Je globaler die Welt, desto mehr wächst das Bedürfnis, irgendwo zuhause zu sein. „Lokalradios müssen konsequent lernen, ihr Sendegebiet inhaltlich zu bearbeiten“, meint sie. Dabei wird nicht nur die Auswahl der Musik zur Herausforderung. Vor allem kleine Sender können sich keine eigenen Musikredaktionen und damit einen musikalischen Fingerabdruck leisten. Eine Möglichkeit einer ganz neuen Form des Radiomachens wäre, sich vom linearen 12-Stunden-Programm zu verabschieden und in Richtung modulares Hören zu gehen: indem man beispielsweise über Web-An- bieter wie Spotify – quasi ein Interne- tradio, das vorab gewählte Musik abspielt – seine Lieblingssongs aus dem Internet holt und dazu halb- stündlich Radiopodcasts aus der Re- gion abonniert. Mittels Geo-Tagging ließen sich beispielsweise lokale Be- richte bis zu einem gewissen Umkreis um den Wohnort bestimmen, ergänzt Sandra Müller. Ein Radio zum Selber- gestalten also, wie es der Schweizer Radioplayer diy.fm anbietet. Über die gleichnamige Website ist es möglich, Inhalte aus allen Radioprogrammen der Schweizerischen Radio- und Fernsehgesellschaft SRG zu mischen und sich einen eigenen Online-Radio- kanal zusammenzustellen. Schon heute, so betont Müller, müssten die Radiosender die Internetgeneration 2.0, die auf Medieninhalte Einfluss nehmen will, berücksichtigen. Wichtig für diese „Generation skip“, die gezielt auswählt, was sie hören will, und anderes überspringt, sei etwa, Audioinhalte on demand anzubieten und so zu archivieren, dass sie jeder- zeit auffindbar seien. Wahrscheinlich liegt die Zukunft des Radios nicht so sehr darin, es hipper, jugendlicher und trendiger zu machen. Sondern darin, auf die Bedürfnisse der Hörer einzugehen. Sowohl auf jene der Internetjugend, die streamt statt schaltet und über Schlagersen- dungen die Nase rümpft, als auch auf die der älteren Generation, die am Sonntag gerne den Musikanten- frühschoppen hört. Dieser Spagat ist nur durch Mut zu Neuem zu schaffen, musikalisch wie inhaltlich. www.bpb.de www.radio-osttirol.at www.radio-machen.de www.diy.fm www.lounge.fm MAN IST, WAS MAN HÖRT. RADIO ALS LIFESTYLE-CODER DIE GLOBALISIERUNG VERSTÄRKT DEN WUNSCH NACH VERWURZELUNG DIE HERAUSFORDERUNG STEIGT, GLEICHZEITIG UNTERSCHIEDLICHE ZIELGRUPPEN ANZUSPRECHEN BALD KANN JEDER RADIOHÖRER SEIN EIGENES PROGRAMM GESTALTEN

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