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QUERSPUR 05: Hyperlokal

22 stellt, wie Hannah Stippl, die über diese Disziplin in Wien promovierte, in dem neuen Buch „Spaziergangs- wissenschaft in Praxis“ schreibt. Suk- zessive entwickelte Burckhardt den „promenadologischen Spaziergang“ zu einer wissenschaftlichen Methode und unterrichtete sie bis 1997 an der Uni Kassel im Kontext von Soziologie und Urbanismus. Mit wachsendem Interesse griffen auch andere Institute diese Wissenschaft auf. Vieles, was Burckhardt und später Weishaar ge- lehrt und geforscht hatten, fand Ein- gang in Studienlehrpläne zur Land- schaftsplanung, so auch in Wien. Diese Promenadologie ist keine tro- cken betriebene Wissenschaft, son- dern eine fröhliche, weil sie durch rege Praxis lebt. Auf unakademi- schem Weg wird lustvoll die unmit- telbare Umgebung erkundet. Dies er- folgt langsam, beobachtend und ist nicht zielgerichtet, sondern assoziativ angelegt. In der Geschichte des Se- hens und Fortbewegens verzeichnen Promenadologen eine zunehmende Zielgerichtetheit, die an die Entste- hung der Verkehrsmittel als auch der Leitsysteme gebunden ist. Nicht nur Transportwege wie die Eisen- oder die Autobahn, die nur ein schnelles, zielorientiertes Fortbewegen zulassen, sowie moderne Navigationssysteme wie GPS-Geräte oder Google Maps sorgen heute dafür, dass die kürzesten, schnellsten Routen zwischen A und B frequentiert werden. Das hat Auswirkung auf die Wahr- nehmung des Raumes dazwischen: Ihm wird keine Aufmerksamkeit mehr geschenkt. Burckhardt ging da- von aus, dass die Art der Fortbewe- gung eine eigene Art des Sehens her- vorbringt. Seine Thesen sind aktuell wie je, eine Reihe von Symposien, Festivals und Performances greift Burckhardts Thesen immer wieder auf. Dass das Thema in der Gesellschaft vorhanden ist, sieht man daran, dass sich ganz unabhängig voneinander Communities entwickeln, die das Zu-Fuß-Gehen in den Mittelpunkt stellen. Ohne sich mit der Existenz der Spaziergangswissenschaft aus- einanderzusetzen. In Wien hat sich in den letzten Jahren etwa unter dem Label „WildUrb“ eine wachsende Anhängerschaft im Inter- net und auf der freien Wildbahn ge- funden. Ausgangspunkt waren zu- nächst die Beiträge in Internetforen, dann ein Buch der Grafikdesignerin Jine Knapp, deren Neugier sie kreuz und quer durch die Gegend wandern ließ. „Wien geht“ beinhaltet Tracks und Points, also Touren und spezielle Orte in und um die Stadt. Dazu gehö- ren Routen, die durchaus einem schö- nen Spaziergang oder einer Kulturex- kursion entsprechen. Aber dann gibt es andere, die in die Zonen hinaus- führen, die in keinem Wien-Guide existieren, weil sie zu unspektakulär oder zu abseitig sind. Wenige klassische Stadterkunder dürften auf die Idee kommen, das sumpfige Rückhalte- becken des Wienflusses zum Ziel zu machen. Oder einen Marsch durch den 15. Bezirk anstreben. Aber ge- rade deshalb – weil es Unerwartetes zu entdecken gibt. Nicht immer im Großen, sondern oft im Detail. Knapp bezeichnet die Sammlung „Wien geht“ als ein „Geh-Tagebuch“ oder „Geh-Animationsbuch“ und das Gehen als „Spazierreisen“. Antrieb sei nicht die sportliche Leistung, sondern zu entdecken, was hinter der nächsten Ecke liege. „Am Anfang war nicht klar, welches Ausmaß das annimmt“, blickt Knapps Weggefährtin Doris Rittberger zurück. Gemeinsam betreiben die beiden eine Grafikdesignagentur. Obwohl Gehen keinen ökologischen Fußabdruck hinterlässt, halten Knapp und Ritt- berger ihr Tun nicht für ein verkehrs- oder umweltpolitisches Statement. Das könne nie der einzige Grund sein, um durch die Gegend zu streifen: „Ich bin nicht gegen das Auto. Ich bin fürs Zu-Fuß-Gehen“, formuliert es Rittberger. Inzwischen bestücken immer mehr WildUrbs die Homepage mit neuen Tracks. Es gibt sogar ein WildUrbs-TV, das Fuß- gängern das Unmittelbare erschließt. Man muss nicht viel tun, um dabei zu sein: Schuhe anziehen, Türe zusperren und los. MANCHE COMMUNITIES ORGANISIEREN SICH ONLINE ZU FUSSMÄRSCHEN MODERNE FORTBEWEGUNG IST ZU ZIELORIENTIERT Lektüre Lucius Burkhardt: „Warum ist Landschaft schön? Die Spaziergangswissenschaft“ (Hg. Markus Ritter) Bertram Weishaar (Hg.): „Spaziergangswissenschaft in Praxis. Formate in Fortbewegung“, Jovis Verlag www.jovis.de Jine Knapp/Wild Urb: „Wien geht“, WildUrb www.wildurb.at „Dérive. Zeitschrift für Stadtforschung“ www.derive.at www.urbanize.at Lerjentours Agentur für Gehkultur www.lerjentours.ch GEH-BEWEGUNG HAT ÜBERRASCHENDE AUSMASSE ANGENOMMEN Einfach drauf los oder genau geplante Strecke gehen – in den Spaziergangs- wissenschaften geht es vor allem um das Erleben bekannter aber gleichsam unbeachteter Umgebung. Foto:©AnnaVárdai Foto:©shutterstock

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