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QUERSPUR 05: Hyperlokal

21Hyperlokal SPAZIERENGEHEN WIRD SEIT DEN 1980ER-JAHREN ALS FRÖHLICHE WISSEN- SCHAFT BETRIEBEN, FÜHRT ABER OFT ZU INTERESSANTEN ERGEBNISSEN FÜR DIE URBANISTIK, RAUMPLANUNG ODER DEN KUNSTBETRIEB. IM GEHEN LÄSST SICH RAUM ANDERS WAHRNEHMEN, VOR ALLEM, WENN DIE ORTE DAFÜR SO UNGEWÖHNLICH SIND: DIE TOUREN FÜHREN OFT ZU BRACHEN, UNORTEN UND ÜBERGANGSZONEN IM STÄDTISCHEN UMFELD. Von Theresia Tasser Wissen Sie, was ein „Talk Walk“ ist, eine „Baukulturtour“, eine „Flanerie“ oder ein „Dialogischer Spaziergang“? Es handelt sich dabei um Formate ge- meinsamen Spazierengehens, deren gemeinsamer Nenner nicht das Ziel ist, sondern der Weg. Oder besser gesagt: der Prozess, durch den Akt des Zufußgehens zu einer anderen Wahrnehmung der Umgebung und so zu neuen Erkenntnissen zu gelangen. Als „Tauchgänge in den Alltag des Ur- banen“ bezeichnen Christoph Laimer und Elke Rauth von „dérive“, dem Verein für Stadtforschung in Wien, solche Aktionen, die Gruppen in die Brache, Hinterhöfe oder an Orte führt, die in einem Spiel zufällig ge- würfelt werden. Die Exotik vor der Haustür wird für den Stadtbewohner zunehmend interessant. Das zeigt sich schon daran, dass überall in Europa Festivals wie etwa das „Urbanize in Wien“ regen Zuspruch haben, bei dem „urbane Erkundungen“ gemacht werden. In den letzten Jahrzehnten hat sich das Spazierengehen vor allen in urba- nen Räumen zu einem großen Thema entwickelt. Für viele, die sich mit städtebaulichen, gesellschaftlichen oder künstlerischen Fragen beschäf- tigen, sind Zu-Fuß-Touren ein Werk- zeug, um bestimmte Dinge zu unter- suchen und anderen zu vermitteln: Landschaftsplaner etwa veranstalten thematische Spaziergänge für ein Fachpublikum und interessierte Laien, um Räume zu erkunden, die nicht als besuchenswert oder schön gelten. Das Herumdriften zwischen Stadt und Land, an Übergängen und Zwi- schenräumen hat sich auch bewährt, um gröbere städtebauliche oder siedlungspolitische Problemfelder auf eine unbürokratische Art zu be- ackern: Im gemeinsamen Gehen wer- den konkrete Räume analysiert, dis- kutiert und die Beobachtungen schließlich dokumentiert. Diese Berichte werden etwa hinzugezogen, wenn es darum geht, bestimmte Bau- projekte zu vermeiden oder Naher- holungsräume zu schaffen. Das Spa- zieren wird als Instrument eingesetzt, um Fragen zu klären, ob ein bestimm- ter Raum kulturell, institutionell oder als Baureserve genutzt werden soll. Urban-Gardening- und Siedler-Akti- visten wiederum streifen umher, um Flecken zu finden, in denen sie unge- stört von Grundbesitzern etwas ge- stalten können – einen Garten anle- gen, temporäre Behausungen bauen oder Landschaftselemente verändern. Besonders oft begegnet man dem or- ganisierten Spazieren in der künstle- rischen Praxis, weil sich die langsame Bewegung eben so originell und un- aufwändig inszenieren lässt. „Es ist eine Form von Vermittlung“ sagt Marie-Anne Lerjen, die in Zürich die „Agentur für Gehkultur“ betreibt, über ihre Performances und Auftrags- Walks, „denn Räume sind nur in Be- wegung wahrnehmbar“. Lerjen schätzt das Gehen um seiner selbst willen: „Das Werk ist schon der Spaziergang selbst“. Sehen, Gehen und Denken gehören für sie zusammen. So ist auch der Austausch darüber und unterein- ander wichtig. Vor dem Losgehen gibt Lerjen kleine Notizbücher aus, in de- nen die Leute ihre Beobachtungen niederschreiben. „Ich sehe die Aktion eher als Gruppenarbeit, sie ist jedes Mal einzigartig“. Die Fantasie hat da- bei uneingeschränkt Auslauf: Einmal legte sie den Grundriss eines Kunst- hauses wie eine Schablone über den Stadtplan und entwarf daraus die Route für einen Spaziergang. Schon die Pioniere der Szene waren sehr erfinderisch, den Spaziergängen nicht nur ein ungewöhnliches Setting sondern auch kuriose Namen und Themen zu geben: Während der Kunstmesse documenta 8 führte etwa eine so genannte „Fahrt nach Tahiti“ über ein ehemaliges Panzerübungs- gelände. In Leipzig waren die Karo Architekten mit dem Namen „Wan- derbaustelle“ unterwegs – in rotweiß- gestreiften Anzügen, wie Verkehrs- hüte. Und Bertram Weishaar, einer der bekanntesten Vertreter der Spa- ziergangswissenschaften, fand die Braunkohlehalden im Ruhrpott so schön, dass er dort lange Spazier- gänge initiierte: „Die Sehnsucht nach der Wüste in Deutschland“. Eine Art Initialzündung zu dieser schnell wachsenden Szene waren die Forschungen des Schweizer Soziolo- gen und Nationalökonomen Lucius Burckhardt. Bei einem „Urspazier- gang“ traf er sich 1976 mit anderen Wissenschaftern, Künstlern und Stu- denten in Kassel, um im Gehen über die Wahrnehmung von Landschaft nachzudenken. Burckhardt beschäf- tigte sich mit der Prämisse, dass Landschaft ein Konstrukt von kultu- rell vorgefertigten Bildern ist – und ein Spaziergang die „Urform der Wahrnehmung in Bewegung“ dar- SEHEN, GEHEN UND DENKEN GEHÖREN ZUSAMMEN WISSENSCHAFTLICHE PROMENADOLOGIE HAT SICH SEIT DEN 1970ER- JAHREN ENTWICKELT BEI SPAZIERGÄNGEN BERICHTE FÜR DIE STADTENTWICKLUNG VERFASSEN EIN ÜBUNGSGELÄNDE FÜR PANZER KANN AUCH ERKUNDUNGSORT SEIN

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