Please activate JavaScript!
Please install Adobe Flash Player, click here for download

QUERSPUR 05: Hyperlokal

19Hyperlokal „Ich glaube an die Provokation. Nur durch die Provokation ist man gezwungen, den eige- nen Standpunkt zu überdenken.“ Severin Groebner ist aktueller Träger des Österreichischen Kabarettpreises. Sein aus- gezeichnetes Kabarettprogramm „Servus, Piefke!“ versteht der Exil-Österreicher und „Humor-Gastarbeiter“ in Deutschland nicht nur als freundliches Kommunikationsange- bot an Österreichs deutsche Nachbarn, son- dern durchaus auch als kritische Auseinan- dersetzung mit den eigenen Wiener Wur- zeln. Seit 1999 als Solo-Künstler aktiv, hat ihm sein beißender Wortwitz zahlreiche Prei- se eingebracht, darunter den Deutschen Ka- barett-Preis 2000, den Deutschen Klein- kunstpreis 2003, den Salzburger Stier 2004 und den Österreichischen Kabarett-Preis 2013. Als Autor schreibt Severin Groebner seit April 2012 regelmäßig Kolumnen für die Wiener Zeitung und Beiträge für Ö1 und den Bayrischen Rundfunk. Auf der Bühne war Severin Groebner auch als Darsteller in „Watzmann“ und „Siegfried“ im Münchner Lustspielhaus zu sehen, sowie als „Buster Keaton“ zusammen mit Liese Lyon im Radio Kulturhaus 2004. Groebner lebt in Frankfurt am Main, sammelt privat Comics und lacht nicht selten auch über sich selbst. GLÜCKLICHER ÖSTERREICHER MIT WEITBLICK Sie sind vor 12 Jahren nach Deutsch- land ausgewandert. Braucht man als „gelernter Wiener“ nicht eine gehörige „Vorratsportion Humor“ für dieses Vorhaben? Groebner: Wer als Wiener keinen Hu- mor hat, geht in dieser Stadt sowieso unter. So gesehen genügt es, seinen Humor einfach nur mitzunehmen. Wären Sie gern Deutscher oder fühlen Sie sich inzwischen so? Groebner: Nein. Österreicher zu sein, ist schon hart genug. Man muss das Unglück nicht künstlich vergrößern. Ich bin gern Bürger eines neutralen Staates. Aber wer seine Heimat ver- lässt, lernt dazu. Ich fühle mich als „Wiener mit etwas mehr Weitblick“. Kommt es vor, dass Sie Leute aus Ihrem ehemaligen Wiener Grätzl wiedertreffen? Wenn ja, welchen Anteil an diesem „Wiedersehen“ haben moderne Kommunikations- und Informations- technologien? Groebner: Das Internet hat großen Anteil daran. Meine Freunde von da- mals sitzen heute in Ungarn, Marokko oder London. Gibt es auch Momente, in denen das Internet zu Ihrem Nutzen Ihre Welt von damals „rekonstruiert“? Groebner: Nicht die Welt von gestern entsteht durch das Internet, aber die Illusion, dass es sie in dieser Form noch gibt. Das Internet schafft für Sie also kein Spiegelbild der realen Welt? Groebner: Nein. Das Internet ist eine eigene Welt. Im Internet entstehen neue soziale Räume, die es vorher nicht gab. Hyperlokalität ist für mich ein künst- lich geschaffener Raum. Alles bleibt virtuell und zeigt letztlich nur einen Ausschnitt der Wirklichkeit. Ein neuer sozialer Raum, der auf den reell exis- tierenden Raum draufgesetzt wird. Hyperlokalität ist in Ihren Augen nur ein Zerrbild der Realität? Groebner: Zerrbild klingt negativ. Für mich ist es einfach nur etwas anderes. Auch das Fernsehen spiegelt letztlich nicht die Realität wider, sondern nur einen Ausschnitt davon. Das Internet vervielfacht die Möglichkeit, Aus- schnitte zu zeigen. Das alte Grätzl hat sich inzwischen verändert. Man kann zwar so tun, als ob man dorthin zurückkehrt, es bleibt aber nichts als die Vorstellung davon. Wer einen Menschen wirklich kennen- lernen oder wiedersehen will, muss ihn persönlich treffen. Dasselbe gilt für die Kunst. Es reicht nicht, den Newsletter eines Kabarettisten zu abonnieren oder dessen Kolumnen zu lesen, man muss ihn im Theater live erleben. www.severin-groebner.de www.wienerzeitung.at/meinungen Foto:©DerekHenthorn;Illustration:©SeverinGroebner WIRKLICHES ERLEBEN GEHT NUR LIVE

Seitenübersicht