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QUERSPUR 05: Hyperlokal

18 „SMARTPHONES STÖREN BEIM SCHMÄH FÜHREN“ Braucht Humor eine Art „Heimatbühne“, um alle Lacher auf seiner Seite zu haben? Wie lokal muss Kabarett sein? Groebner: Über manche Sketche kann man überall auf der Welt lachen. An- dererseits hat Humor auf Grund der Geschichte, Kultur und Mentalität unterschiedliche Ausprägungen. Der Wiener Schmäh und sein Sprachwitz funktioniert am besten in Wien und lässt sich nicht ins Schwäbische über- tragen. Und umgekehrt. Auch wenn ich es mir in meinem Kabarettpro- gramm „Servus, Piefke!“ zur Aufgabe gemacht habe, zwischen diesen (und anderen) „Humor-Welten“ zu überset- zen und reich humoristischen Lokal- kolorit zu vermitteln – eine Garantie, dass gelacht wird, gibt es nie. Wie weit kann man über die Grenzen schauen ohne zu riskieren, dass das Publikum nicht lacht? Kann man das in Kilometern messen? Groebner: Die Grenzen um die es da geht, sind im Kopf. Wenn die Leute im Publikum selbst über ihre Grenzen hinwegschauen, kannst du mit ihnen als Kabarettist so weit gehen, wie sie schauen und denken können. Wenn das Publikum nicht sehr weit denken kann, kannst du mit ihm auch nicht so weit gehen. Was schafft Identität? Gibt es eine ge- meinsame Identität des Publikums? Groebner: Die gemeinsame Identität des Publikums ist, dass alle gemein- sam da sind. Ich bin kein Freund des nationalen Gedankens und glaube, dass sich ein Mensch in Wahrheit nicht mit einem größeren lokalen Radius als fünf bis maximal 30 Kilo- meter Umkreis identifizieren kann. Wird die Welt tatsächlich kleiner oder größer? Interessiert die Leute eher das, was sich in der lokalen Umgebung ab- spielt? Groebner: Ich hab den Eindruck, je vernetzter die Welt ist und je mehr In- formationen auf die Leute einprasseln, desto weniger wollen sie wissen. Aus meiner Sicht eine unangenehme Ent- wicklung. Österreichischer Schlager verkauft sich auch außerhalb der Landesgrenzen bes- tens. Gilt das auch für österreichischen Humor? Lässt sich Ihr typischer Wiener Schmäh – wie selbst gebrauter Zauber- trank – in richtiger Dosierung abfüllen, transportieren und verabreichen? Groebner: Humor ist eine Kultur- technik, die uns hilft, das alltägliche Desaster, das wir „Leben“ nennen, zu ertragen. Gleichzeitig erlaubt uns Humor, Widersprüche, die unüber- brückbar scheinen, einen Moment lang aufzuheben, indem wir über sie lachen. Ich fahre durch die Gegend und verabreiche den Leuten tröpf- chenweise Humor. Ob das klappt, liegt am Publikum. Man muss für Humor empfänglich sein. Ist das Internet eine Spaßbremse? Oder sorgt es im Gegenteil durch seine immer enger verknüpften sozialen Netzwerke und die Geschwindigkeit der Verbrei- tung von Daten als eine Art Katapult oder „viraler Groebner-Beschleuniger“ für mehr und über die Grenzen hinaus- gehenden Humor? Groebner: Beides. Smartphones stören einfach beim Schmäh führen. Nette Wirtshausgespräche werden durch übereifrige Internet-Nutzung unter- brochen, weil die Gesprächsteilnehmer auf die Displays ihrer Handys star- ren, um Antworten oder Nachrichten zu finden. An sich ist das Internet nur eine Technologie. Seine Nutzung ist ambivalent: Man kann sich damit ent- weder amüsieren oder Dummheiten anstellen. Ob sich Menschen via Face- book zu einem Theaterabend verabre- den oder eine rechtsnationalistische Veranstaltung organisieren, hat nichts mit der Technologie zu tun. GEHT ES UM ECHTEN HUMOR, WIRKT DAS INTERNET ALS SPASSBREMSE. ZWAR IST IN DER VIRTUELLEN WELT AUSREICHEND PLATZ FÜR KÜNSTLICHE RÄUME, DIE KUNST SELBST ABER WIRD ZU KLEINEN APPETITHÄPPCHEN EINER GROSSEN KULTURTECHNIK REDUZIERT. WER WIRKLICH HERZHAFT LACHEN WOLLE, MÜSSE SELBST INS THEATER KOMMEN, SAGT DER KABARETTIST SEVERIN GROEBNER. SONST BLEIBT AUCH DER WITZ NUR EINE ILLUSION. Das Gespräch führte Catherine Gottwald HUMOR HEBT SCHEINBAR UNÜBERBRÜCKBARE WIDERSPRÜCHE AUF

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