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QUERSPUR 05: Hyperlokal

12 Nachbarn mit ganz bestimmten Inter- essen kann man auf meetup.com fin- den. Meetup bezeichnet sich als das weltweit größte Netzwerk lokaler Gruppen und ist mit fast 16 Mio. Usern in 196 Ländern vertreten. Die Suche nach lokalen Interessensgrup- pen ist bis auf einen Umkreis von fünf Kilometern eingrenzbar, man kann aber auch selbst eine Initiative starten: Ob zum Wandern, um mit 50+ einen Partner zu finden oder um seine Start-up-Idee mit einem Probe-Pitch bei Gleichgesinnten auszuprobieren und Feedback zu bekommen. Wem nicht nur Nachbarschaftshilfe, gemeinsame Ausflüge oder Einkaufen ein Anliegen sind, sondern ein um- sichtigerer Umgang mit Lebensmitteln, der kann über myfoodsharing.at oder foodsharing.de herausfinden, wo in der Umgebung Lebensmittel von Privat- personen angeboten werden. Die Idee, die vom österreichischen Lebensministerium unterstützt wird: Gute, genusstaugliche Lebensmittel sollen nicht vernichtet, sondern weiter- gegeben werden. Käse oder Frisch- wurst, mitunter auch die Lasagne aus dem Kühlschrank eines Fremden in der Umgebung zu essen, ist aber viel- leicht nicht jedermanns Sache. Neben der Räumung der Vorräte, zum Beispiel vor einem Urlaub, dient die Plattform auch dazu, sich ganz harmlos mit an- deren Usern zum gemeinsamen Ko- chen zu verabreden. Die Auswahl an nachbarschaftlichen Aktivitäten aus dem Netz ist beinahe unerschöpflich und reicht vom unent- geltlichen Angebot (u.a. shareand- care.at, eine lokale Plattform zum Verschenken von Dingen) über das Knüpfen neuer Freundschaften bis hin zu privaten Leihdiensten mit Be- zahlung, etwa für eine Bohrmaschine (usetwice.at), oder spezifischen Services wie das stundenweise Vermieten des eigenen Parkplatzes, den man gerade nicht selbst benutzt (parkinglist.de). Eine Erklärung, warum Online-Nach- barschaftshilfe – egal ob bezahlt oder unbezahlt – so gut funktioniert, liefert der Soziologe Walter Siebel. In seinem Essay „Ist Nachbarschaft heute noch möglich?“3 beschreibt er, dass es kein neues Phänomen ist, es lieber zu vermeiden, beim direkten Wohnungs- nachbarn für einen Hilfsdienst oder eine Auskunft zu läuten: Studien be- legen den Funktionsverlust nachbar- schaftlicher Beziehungen schon seit den 1960er-Jahren. Viele Menschen beschränken sich lieber auf den Gruß am Gang und vermeiden Hilfsdienste, um nicht in der Schuld des anderen zu stehen oder gar in ein Abhängig- keitsverhältnis zu geraten. Gelebte (physische) Nachbarschaft ist auch deshalb ein heikles Thema, weil Ge- sinnung und Interessen von Nachbarn nur selten übereinstimmen. Auch der Schutz der eigenen Privatsphäre spielt bei der distanzierten Haltung gegenüber dem Nachbarn eine Rolle, weil man sich ja immer wieder trifft und es nicht bei einer einmaligen Begegnung bleibt. Manche fürchten vielleicht auch die Kosten allzu eng gewordener Nachbarschaft, der man nur durch Umzug entrinnen kann. Fazit: Aufgrund ihrer Klarheit und der größeren Distanz reduziert online vermittelte Nachbarschaft die (befürchteten) sozialen Kosten. Der virtuelle Raum erweitert das lo- kale Leben aber noch in einem ganz anderen Aspekt: Es etablieren sich hyperlokale Medien, die online über das Geschehen in der unmittelbaren Umgebung berichten. Im Gegensatz zu Artikeln in gedruckten Lokalmedien umfasst deren Radius tatsächlich nur ein paar Nachbarschaftsstraßen oder den Wohnkomplex. The Local, ein Online-Medium, das von Studenten der Fakultät für Journalismus an der CUNY Graduate School geführt und in Kooperation mit The New York Times umgesetzt wird, bietet etwa News aus der lokalen Umgebung von Clinton Hill oder Fort Greene, zwei Grätzel in Brooklyn, New York City. Jeder, der interessiert ist und gerne schreibt, kann einen Beitrag liefern (www.nytimes.com/marketing/ thelocal). Was privat funktioniert, ist auch für Unternehmen interessant. Die Swiss- com hat sich etwa mit dem Online- Marktplatz mila.com zusammengetan und verlagert unspezifische Kunden- anfragen vom Kundensupport in die private Nachbarschaftshilfe. „Wie kann ich mein E-Mail-Account auf meinem Smartphone einrichten?“ „Wie kann ich Sender neu laden?“ Anstatt wegen allgemeiner Probleme beim (für Anrufer und Unternehmen teuren) Kunden-Support anzurufen, können die Hilfesuchenden auf www.mila.com/swisscom eine private Person finden, welche für ein vereinbartes Honorar weiterhilft. Ob von Unternehmen oder im Privat- bereich genutzt – die Dienste werden sich funktionell und in ihrer Differen- zierung erweitern. Man wird in Zukunft nicht nur wissen, was sich hinter Gebäudemauern befindet („Hat das Geschäft meine Lieblingsschokolade noch auf Lager?“), sondern auch, welche historische Bedeutung diese Mauer einmal hatte: Augmented Reality (deutsch: erweiterte Realität) wird uns Informationen über Gebäude, Denkmäler oder Kunst auf das Smartphone liefern, die uns sonst verborgen blieben. Nicht nur soziale Beziehungen, auch Geschichte wird auf diese Weise hyperlokal. 1 JIM-Studie 2013, www.mpfs.de 2 Studie Handy-Verhalten in Österreich, Gfk im Auftrag von A1, 2013 3 www.reihenhaus.de DAS DINNER AUS DEM FREMDEN KÜHLSCHRANK FÜR UNTERNEHMEN INTERESSANT: KUNDEN HELFEN KUNDEN REGELMÄSSIGE NACHRICHTEN AUS DEM EIGENEN WOHNKOMPLEX

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